Begriffsbaum 1.3

„Aber vielleicht müssen alle Elemente der Lage noch einmal anders gesehen, die Phönomenologie der Krise daraufhin geprüft werden, ob sie nicht selbst in die Krise gerate sind.“1

Als sich am 17. März 2020 der erste Lockdown in Berlin ankündigte war ich, wie viele Andere, ungläubig, erstaunt und fragend angesichts der radikalen Veränderungen, die vor meinen Augen mit meinem Leben auf einer aushaltbaren und dennoch ver-rückten Art, mit vielen Leben tiefgreifender einherging. Ich ärgerte mich über die Einschränkungen, ich verstand nicht, was da gesamtgesellschaftlich passierte, ich wurde an meinen Schreibtisch zurückgeworfen und versuchte, wie gewohnt, mit meiner Arbeit und Denken zu beschäftigen. Gleichzeitig führte ich viele Gespräche, in welche Position ich gerade dem Virus begegne. Ausgehend von meiner Position (weiß, Studentin, queer, gesund, einigermaßen abgesichert) suchte ich automatisch Verarbeitungsstrategien und Anküpfversuche in meinem derzeitigen Forschungsschwerpunkt: Die feministische Wissenschaftskritik. Ich erarbeitete aus meiner im Wintersemester 19/20 geschriebenen Hausarbeit erste Ansätze für meine Masterarbeit heraus und suchte nach den Brücken zu dem, was da draußen, abseits von meinem Schreibtisch (nicht) passierte. Ich befragte meine Wissenschaft, die den Anspruch erheben sollte, politisch zu sein. Diese rein akademische Politisierung wurde zum Versuch, abgebrochene Verbindungen zu der sogenannten Außenwelt auf brüchige Weise wieder herzustellen und damit gegen eine subjektiv gefühlte Vereinzelung anzugehen.