Immunität

Der Begriff Immunität hat in den Corona-Diskursen wieder Konjunktur erlangt. Paul B. Preciado, der selbst an dem Coronavirus erkrankte, nimmt unter anderem diesen Begriff in den Blick und fragt davon aus
gehend danach, wie wir über das ‚politische Seuchenmanagement‘ nachdenken können. Dabei betont er die Begriffsbinarität zwischen politischer Gemeinschaft und einem biomedizinischen Begriff der Immunität. Seine im Artikel analysierte Historisierung des Begriffs erarbeitet ein ‚immunologisches
Gesellschaftsverständnis‘, das den Begriff der Immunität aus der Rechtssphäre in den medizinischen
Bereich einbringt und damit eben ein westliches Subjekt- und daran anknüpfend Wissensverständnis konstruiert:

Der freie, männliche, weiße, heterosexuelle, immune Körper wird Ausgangspunkt für Gesetze,
Bewertungslogiken, Deutungshoheit, Politik.

Hierauf baut das verallgemeinerte Verständnis von Normalität auf. Immunität resultiert aus einem
binären System, das Körper hierarchisiert: Die Souveränität und Autonomie wird von bestimmten Körpern behauptet, indem sie andere ausschließt oder stigmatisiert: „Was wir unter Immunität verstehen, wird
anhand sozialer und politischer Kriterien kollektiv konstruiert, die über Souveränität oder Ausschließung, Schutz oder Stigmatisierung, Leben oder Tod entscheiden.“ Der im März 2020 erschienene Text von
Preciado kontextualisiert die Begriffe Immunität, Ausschluss und Individualisierung. Preciado erarbeitet in seinen Schriften die Verbindung zwischen sozialen und ökonomischen Strukturen, betont die
Abhängigkeit und die damit einhergehende Konstruiertheit dieser Kategorien und denkt Möglichkeiten, die durch solche Analysen entstehen können. Dabei beschreibt und überschreitet Preciado permanent
vorgefertigte Theorie- und Disziplinansätze und fragt nach den dahinterstehenden Regulierungs-
mechanismen. Geschlecht, Sex und Subjektivität werden zu Ausgangspunkten, um fragmentierte Identität zu betonen. Anschließend daran untersucht Preciado mögliches Widerstandspotential und plädiert für eine politisch kollektivierte Transformation, die damit beginnen kann, neues, anderes, kritisches Wissen zu produzieren und damit aktuelle Objektvititäsverständnisse zu pluralisieren. Hier lassen sich Sabine Harks Netzwerke des Lebens und Preciados Plädoyer zusammen denken: Wie lässt sich durch die
Befragung aktueller Auf- und Abwertungsverhältnisse des Körpers kritisches Wissen generieren? Beide unterstreichen die Notwendigkeit, sich gegen das Regime, das sich durch eine heteronormative
Souveränität etabliert, zusammen zu schließen: „Wir müssen lernen, uns als Kollektiv zu verändern. Wir müssen lernen, die Entfremdung voneinander zu überwinden.“