Virengemeinschaft

Der im April 2020 erschienene Beitrag von Sabine Hark zur aktuellen Corona-Situation geht der Frage der Verwundbarkeit nach: Hark ruft dazu auf, Virengemeinschaften zu bilden, um der durch Corona
verstärkten Isolation der Einzelnen entgegen zu treten und um das Verhältnis von Autonomie und
Souveränität kritisch zu befragen. In der Pandemie wird angesichts einer virusbedingten Abhängigkeit das Konzept Autonomie gouvernemental bestärkt: Grenzziehungen durch Begriffe wie Kernfamilie
werden Teil dieser neuen pandemischen Regulierung. Hark analysiert dieses Konzept der Autonomie,
indem Hark es anhand Butlers Ansatz der differentiell verteilten Verletzlichkeit verschiebt und neu
kontextualisiert: Beschrieben wird eine grundsätzliche, differentielle Abhängigkeit zwischen den
Subjekten und damit einhergehend ein Verständnis von Mensch und Gemeinschaft, das in der
Aufkündigung einer Autonomie liegt. Autonomie kann nur in Abhängigkeit (also z.B. in Absetzung zu
Anderen) behauptet werden.

Die Behauptung nationaler und/oder individueller Souveränität funktioniert nur durch die Ausstreichung Anderer: Wir sind, weil ihr nicht seid.

Von dieser Dependenz ausgehend kann nach Hark ein (queerer) Prozess der Kollektivierung und
Solidarisierung beginnen, um behauptete Souveränität zu transformieren. Solidarität wird notwendiges Werkzeug, um die Mehrdimensionalität und Vielstimmigkeit feministischer Kämpfe in eine kollektive
Bewegung zu bringen. In dem Artikel Die Netzwerke des Lebens zeigt Hark auf, wie sich die differentielle Abhängigkeit nochmal stärker durch Corona herausstellen lässt und verweist gleichzeitig auf deren
(bisherige) Nichtwahrnehmung: „Nicht das Virus macht den Unterschied, sondern die Umstände“. Und diese Umstände sind nicht neu, sondern treten aktuell nur deutlicher hervor. Indem Hark souveräne
Handlungsfähigkeit durch ein behauptetes Dichotomieverständnis herausarbeitet, das durch binäre Unter-
scheidungen funktioniert, wie Freund/Feind oder
„innen/außen, vertraut/fremd, riskant/sicher“, verweist Hark einmal mehr auf Überlegungen aus der feministischen Wissenschaftskritik. Daraus resultiert: „Wir leben in Gemeinschaft mit dem Virus, wir müssen Gemeinschaften mit ihm bilden.“ Das bedeutet: Distanz als Fürsorge – Virengemeinschaften bilden, ausgehend von der Verletzlichkeit anderer und nicht aus-
gehend von der eigenen Immunität. Was Hark betont, ist die notwendige Lenkung des Blicks auf
Zusammenhänge. Im Kontext feministischer Wissenschaft ließe sich dies beschreiben durch eine
intersektionale Art des Sehens, die durch hybride (Foschungs-)Methoden praktiziert werden muss. Wenn das Ziel ist, ein „nachhaltig, demokratisches Zusammenleben“ zu gestalten, in der die Unter-
schiedlichkeit aller Menschen, auch in ihrer Körperlichkeit, eine Gemeinschaft bilden kann, so gilt es
zunächst, ein kritisches Wissen von Gewalt zu produzieren, von der Tatsache, dass diese Gewalt gegen manche Körper gerichtet wird und gegen andere nicht. Mit Blick auf die aktuelle Situation einer globalen Pandemie müssen wir eben genau hinschauen, aus welcher Position wir selber sprechen, aber auch
kontextbezogen fragen, welche Stimmen derzeit Gehör finden, welche Körper als schutzwürdig erachtet werden und welche nicht. „Doch die Pandemie verlangt von uns noch etwas anderes. Sie verlangt nicht nur, dass wir solche Fragen stellen, sie verlangt auch, dass wir gesellschaftliche Solidarität neu zu
buchstabieren wagen.