Kritik der Kritik

Kritik der Kritik

Was ist das Subjekt, das sich fragt, was es sein kann?

Was ist Kritik im Kontext eines kritischen Objektivitätsverständnisses? Wann sind wir an dem Punkt
angelangt, wo wir Kritik ausüben? Mit welchen Grenzen von Wissen und Macht, von Wahrheit und
Objektivität haben wir es zu tun? Judith Butler erarbeitet mit ihrem Aufsatz Was ist Kritik? Ein Essay zu Foucaults Tugend entlang dieser Fragen einen Begriff von Kritik und fokussiert dabei insbesondere eine Frage: Was ist das Subjekt, das sich fragt, was es sein kann? Kritik ausüben erfordert nach Butler eine
kritische Haltung und die kann mit dieser Frage nach dem Subjekt beginnen. Kritische Haltung wird dabei die Wiederholung vorhandener Begriffsdefinitionen, um damit im Sinne Donna Haraways die Situiertheit der Definitionen zu markieren und sie auch zu kritisieren. Indem die Frage nach dem Kritikbegriff mit Blick auf bisherige Definitionen und Antworten gestellt wird, können vorhandene Konzepte neu befragt werden. Damit verdeutlicht Butler die diskurstheoretische Einbettung sämtlicher Analysen und zeigt auf:

Die aktuelle Frage nach Kritik zu stellen, geht einher mit der Revision bisheriger Definitionen und
Begriffsauseinandersetzungen, durch die entschieden wurde, wie was gedacht, erzählt und festgelegt wird, um herauszufinden, welche Grenzen dem gesetzt sind, was man wissen und damit auch was man sein kann.

Der Frage, welches Subjekt Kritik ausübt, fügt Butler noch die Frage hinzu, wie dieses Subjekt in die Lage kam, Kritik zu üben und vor allem Deutungsmacht zu erlangen, um über diese Definition zu urteilen. Damit
beginnt Butler das System selbst herauszuarbeiten, das die Beschreibungen, die Begriffe und Diskurse bestimmt, die das Subjekt erscheinen lassen. Die Möglichkeit der Erscheinung jeweiliger Subjekte geht bei Butler mit der Frage der Erzählbarkeit einher, die sich mit Sabine Hark folgend beschreiben lässt: „Wir müssen uns erzählen, um wirklich zu werden und wir werden erzählt, ob wir wollen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht, ob wir die Erzählung mögen oder nicht.“ Damit lässt sich auf Basis feministischer
Wissenschaftskritikansätze
festhalten: Um Kritik auszuüben gilt es zunächst, die eigene Position zu
kontextualisieren. Eine solche Kontextualisierung geht mit der Einsicht einher, dass ein Subjekt selbst nicht souverän sein kann, denn in der Frage nach der eigenen Position eröffnen sich Verweisstrukturen, die durch bestimmte gesellschaftliche Praktiken entstanden sind und durch bestimmte Codes formuliert und wiederholt werden. Die eigene Erzählung ist bereits fremd bestimmt und damit muss nach der Politik und dem Ethos dieser eigenen Erzählung gefragt werden. Dass die Frage eine gesellschaftliche
Dimension impliziert, bedeutet, diese Grenzen des Selbstverständnisses zur Bedingung des Subjekts zu machen (Vgl. hierzu Butler). Hier formuliert sich das Paradoxon, das ich als kritisches Moment unter-streichen möchte: Die eigene Strukturierung durch ein Außen bedeutet eine Einschränkung der Selbst-
narration und mit dieser Aufkündigung eines gewissen Autonomieanspruchs, also der Einsicht, dass
Subjektbestimmungen nicht souverän funktionieren, findet zunächst eine Reduktion bestimmter
Handlungs- und auch Sprechoptionen statt. Indem ich den Anspruch erhebe, Kritik zu üben, eröffne ich die Möglichkeit, diese Problematik anzuerkennen: „Wenn ich darüber spreche, muss ich mir die Grenzen
dessen vor Augen führen, was ich tun kann, die Grenzen, die jedes Handeln bedingen. In diesem Sinne muss ich kritisch werden.“
 Und in dieser Bezugnahme zur Kritik eröffnen sich Möglichkeiten, Dinge anders zu sehen und anders zu ordnen, an den Grenzen entlang zu denken und zu arbeiten.